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Leseprobe aus   "Das ist Mystik, unglaublich wahr!" (Seite 21)

Kein Wort ist mit dem gleichzusetzen, auf das es hinweist. Auch die Worte "mystische Erfahrung" sind nicht die Erfahrung selbst, so oft wir sie auch aussprechen mögen oder mit unserem reichhaltigen Wörterbuch im Kopf darüber nachdenken mögen.

(Es gibt Menschen, die versuchen dies. Ich weiß nicht, ob sie schon an ein Ende gelangt sind.)

 

Daher nützen Diskussionen und theologische Streitereien über Mystik herzlich wenig. Sie gehen an der Realität Gottes vorbei, nämlich an der Erfahrung Gottes selbst. Das Entsprechende gilt für Begriffe aus anderen Religionen, die ebenso auf eine letzte Wirklichkeit hindeuten. Auch diese Begriffe sind mit Erfahrungen verbunden, auf die es ankommt.

Als Beispiele nehmen wir hier die Begriffe "Atman" (das göttliche Selbst im Hinduismus, "Nirvana" (das mysteriöse "Verwehen" im Buddhismus) oder "shunyata" (die Leere) im Zen.

 

Es ist die Aufgabe der Religionswissenschaft, anhand von religiösen Texten und heiligen Schriften die Unterschiede zwischen den zahlreichen Begrifflichkeiten herauszuarbeiten und zu würdigen. Damit ist jedoch noch keine Gotteserfahrung selbst gegeben.

Das aber ist das Gebiet der Mystik und hier kann sie auf ein reichhaltiges Wissen zurückgreifen. Vertreter der Mystik sehen deshalb auch ihre Aufgabe darin, diesen Erfahrungsschatz mitzuteilen, einen gehbaren Weg zu beschreiben und dabei praktische Hilfe anzubieten.

 

  

Kommentar vom 4.Nov.2017:

"Es geht doch nichts über die eigene Erfahrung. Da weiß man, woran man ist."

Ja, das stimmt. Und doch kann man über Erfahrung trefflich streiten. Bei religiöser Erfahrung kommt dies leider sehr oft vor und ist meist sehr unfruchtbar und unbefriedigend. Deshalb ziehe ich es vor, solchen Streit zu vermeiden und frage mich lieber, woher er denn kommt. Ist es Rechthaberei? Festhalten am Eigenen? Besser sein wollen als der Andere? Die eigene Überlegenheit demonstrieren? Nach der Devise: Je besser ich mich gegenüber dem Anderen durchsetze und ihn klein rede, desto stärker ist mein Glaube, meine Überzeugungskraft und desto besser fühle ich mich danach?

 

Solche allzu menschlichen Empfindungen und Bestrebungen sind für einen ehrlichen spirituellen Weg in der Regel unnütz und ein Hemmnis. Sie verhindern eine eigene Weiterentwicklung; und wenn einem Menschen wirklich daran liegt, dann sollte er sich grundsätzlich darüber Klarheit verschaffen:

Es geht letztlich um die eigene Gottesbegegnung und natürlich um die Gottesbegegnung, die auch dem Anderen zusteht.

Nur auf dieser Basis lässt sich miteinander reden. Hier zeigt sich auch das Maß der spirituellen Reife, das in der Stille gewachsen ist. Und Streit oder auch überflüssige Diskussionen oder überhebliche Gefühle sind dann wiederum das Kennzeichen dafür, dass die Stille ruft und zur Geltung kommen will!

 

Es macht Spaß, von anderen Religionen zu lernen und sich in ihnen gar wiederzufinden. Das setzt jedoch voraus, dass wir in unserer eigenen Religion (oder in unserem menschlich reifen "atheistischen" Ich) verwurzelt sind und reichhaltige spirituelle Erfahrung gesammelt haben. Dann kann und wird ein Austausch für beide Seiten fruchtbar sein und gelingen. Die Gesprächspartner gehen gestärkt aus einer Begegnung hervor, fühlen sich gegenseitig bereichert und wachsen aneinander und miteinander. Solche Schritte hin zu gegenseitigem Verständnis und Einigung sind auch immer gelungene Schritte hin zur Nicht-Zweiheit des Lebens – die einende mystische Erfahrung.

 

Je besser wir dabei unsere eigene religiöse Erfahrung verstehen und darüber sprechen können, desto mehr Möglichkeiten haben wir für einen fruchtbaren Austausch und desto eher sind wir auch in der Lage, den Anderen in seiner Eigenart und andersartigen Erfahrung zu verstehen und zu schätzen. Am Ende des Weges wartet immer die eine große Erfahrung und damit auch das eine große Verstehen.

 

Gehen wir nach einer gelungenen religiösen Begegnung wieder auseinander, so haben wir neue Kraft für das Leben allgemein als auch für unsere nächste umfassendere religiöse Erfahrung. Die Stille und Übungen warten schon. Und dann gilt wieder das, was immer gilt:

"Es geht doch nichts über die eigene Erfahrung. Da weiß man, woran man ist."